Chronisten und Geschichtsschreiber der Stadt Jüterbog
C. G. Ettmüller – Bürgermeister und Chronist 1731-1810
Sittenstrenger und rechtschaffender Mann
H. J. Göbel

Carl Gottlieb Ettmüller wurde am 2. April 1731 in Zittau als Sohn eine promovierten Stadtsyndikus geboren. Er schlug die Laufbahn eines Offiziers der sächsischen Armee ein und kam 1746 in die Garnison Jüterbog zum Regiment Minkwitz. Hier weihte er am 4. September 1752 die neue Hauptwache in der Gerichtslaube vor dem Rathaus ein, wo er zugleich die „erste Wache mit völliger Janitscharenmusik daselbst aufgeführt“.

Jeweils zwei Kompanien des Regiments lagen in Jüterbog und Dahme. Als 1754 auch die Jüterboger Kompanien nach Dahme verlegt werden sollten, war das für Ettmüller der Auslöser, seinen Abschied vom Militär zu nehmen. Als Kaufmann fand er in Jüterbog eine neue Aufgabe. Im gleichen Jahr heiratete Ettmüller die Tochter des Stadtschreibers und späteren Bürgermeisters Nikolaus Wilmersdorff.

„Aber er strebte nach höherem. Als Offizier hatte er gelernt, taktisch zu denken und zielstrebig zu handeln, und er verstand es, Menschen zu führen“, schreibt Superintendent H. J. Göbel über ihn. Im Siebenjährigen Krieg, zu dessen Anfang 1756 Friedrich der Große Jüterbog einnahm, hatte Ettmüller die Gelegenheit, sich hervorzutun. Als das preußische Kriegsministerium von der Stadt 18 Rekruten für das preußische Heer forderte, die zur Festung Magdeburg zu bringen waren, wagte es zunächst niemand, die „gefährliche Ablieferung zu übernehmen“. Der ehemalige Offizier Ettmüller trat hervor, doch nur „unter Versprechung, ihm bey eintretender Vacanz in das Raths-Collegium zu nehmen“. In eisiger Winterskälte erfüllte Ettmüller die Pflicht der Stadt und damit seinen Teil der Vereinbarung.

Im weiteren Verlauf des Krieges forderte Friedrich der Große, der zwei Jahre später ein Regiment in Dahme stationierte, von einen Tag auf den anderen von Jüterbog eine Zahlung von 4000 Talern „bey Feuer und Schwerdt“. Ettmüller, der sich wieder bereit erklärte, die Aufgabe für die Stadt zu übernehmen, geriet bei Dahme in ein Scharmützel zwischen der Nachhut des preußischen Regiments und kaiserlicher Husaren. Trotz der widrigen Umstände kann er sich in Sicherheit bringen und die große Summe Geldes retten.

1762 wurde Ettmüller zunächst Schöppe und kam bald darauf wunschgemäß in das Rats-Collegium an und trug somit den Titel eines Senators von Jüterbog. Und wieder wird sein Einsatz für die Stadt in dem Krieg eingefordert. Jetzt verlangte der preußische König 72 Rekruten nach Leipzig zu liefern. Ettmüller schaffte es nach langen und komplizierten Verhandlungen die Soldatenlieferung mit einer Summe von 3000 Reichstalern abzulösen. Hinzu kamen 1500 Reichstaler für Artilleriepferde und andere Güter.  „Geld statt Menschenleben!“ stellt sein Biograph Göbel anerkennend fest.

Doch die Kontributionsforderungen an Sachsen nahmen kein Ende. Nun sollte der Jüterboger Landkreis eine Summe von  29400 Reichstalern an „Brandschatzungsgelder“ aufbringen. Der Senator Ettmüller fuhr nach Querfurt, um mit der preußischen Militäradministration mildere Forderung auszuhandeln, was ihm auch gelang.

Im Bayrischen Erbfolgekrieg von 1778/79, wobei Sachsen diesmal gemeinsam mit Preußen gegen den Kaiser antrat, war wiederum die Diplomatie und politische Kunst des Senators gefragt. Als die Stadt 1300 Reichstaler Kriegssteuer aufbringen mußte, entwickelte Ettmüller die Idee, anstatt einen neuen Kredit aufzunehmen, eine höhere Biersteuer einzuführen. Den Vorschlag konnte er trotz des Widerstandes des Bürgermeisters beim Senatskollegium durchsetzen. Obwohl dies einen Eingriff die kurfürstliche Steuerhoheit darstellte, erhielt Ettmüller gegen den Einwand der einiger alteingesessener Senatoren die 1783 Ernennung zum Bürgermeister und Stadtrichter.

1794 verfaßte er (lt. M. Wald – nach E. Sturtevant war es um 1800) seine „Annales der Kreis-Stadt Jüterbog“ in Form von zwei stattlichen handschriftlichen Bänden.

1779 war seine Frau Johanna Maria gestorben. Aus der Ehe war eine Tochter hervorgegangen. Nach einem Trauerjahr heiratete er Anna Sophie Richter. Am 24. Juni 1810 verstarb Carl Gottlieb Ettmüller im Alter von 79 Jahren.

Bald nach seinem Tod brachte am 5. August 1810 die Witwe die beiden Chronikbände dem Rat der Stadt. Dieser beschloß, das Werk „zum stäten Andenken seines Verfassers in der gewöhnlichen Sessionsstube (dem Sitzungssaal) aufzubewahren, auch die schätzbaren Nachrichten jederzeit durch eines der Mitglieder fortsetzten zu lassen“. Und tatsächlich gab es bis 1824 Nachträge zu seinem Text.

„Weil Ettmüller viele Originalurkunden einsehen konnte, die heute verloren sind, bleibt seine Chronik auch bei – aus heutiger Sicht – einigen Ungenauigkeiten ein unverzichtbares Dokument der Geschichte Jüterbogs.“ (H. J. Göbel)

Carl Brandt
In Vorbereitung

Carl Christian Heffter
In Vorbereitung

Oskar Liebchen 1882 -1946
Lehrer, Heimatforscher, Geschichtsschreiber
„Alles in seinem Leben hatte einen tiefen Sinn, und nichts geriet aus der Balance.“
Hella Hamdoch

Karl Heinrich Oskar  Liebchen  wurde am 9. Januar 1882 in Eisenach geboren. Sein Vater Karl Johann Gustav Liebchen stammte aus Krotoschin, wie viele Generationen vor ihm. Ursprünglich hieß die Familie wohl auch einmal Lipka. Die Mutter von Oskar Liebchen, geborene Christiane Friederike Schweitzer, stammte aus Kreuzburg (Werra).

Oskar Liebchen heiratete am 29. Juli 1928 in Osdorf (Krs. Teltow) Dorothea Annemarie Witt, die vom Vorwerk Schenkendorf (Krs. Teltow) stammte. Der Ehe entstammten zwei Töchter,  Helga (* 23. Mai 1931, + 22. August 1941) und Hella (* 11. Juli 1943). Oskar Liebchen verzog wegen einer schweren Krankheit 1945 von Jüterbog an die Nordsee, in der Hoffnung, daß das Klima dort seine Beschwerden lindern würde. Im Februar 1946 erlag er seinem Leiden.

Seine Tochter Hella sagt über ihren Vater: „Seine Wißbegier war maßlos. Er kaufte Bücher über jegliche Themen: Naturwissenschaften, Musik, Religion, Malerei, Philosophie und hauptsächlich natürlich Geschichte und Vorgeschichte… Alles, was er da an Wissen in sich aufgenommen hatte, mußte er ausdrücken, weitergeben und – dies kann ich auch ruhig behaupten – an seine Heimat verschenken… Er war ein gradliniger Mann. Er sagte, was er dachte, nicht, um die Leute vor den Kopf zu stoßen, aber ohne Scheu, die eigene Meinung zu vertreten… Was er aber politisch ablehnte, lehnte er ab, und das war nicht leicht für meine Mutter, die manche Momente der Angst durchlebte.“

Liebchen übte zunächst auf Wunsch seines Vaters eine Bürotätigkeit aus. „Irgendwann sei dort ein Herr erschienen, der zufällig entdeckt habe, wie wenig mein Vater in das ihm notgedrungen zugedachte Milieu gehöre und wie viel er wisse. Auf dessen Bemühungen hin habe man nachgegeben, und mein Vater konnte seine Ausbildung als Volksschullehrer absolvieren… Prähistoriker bzw. Heimatforscher war sein eigentlicher Beruf… (Hella Hamdoch)

Liebchen war nicht nur in zahlreichen Archiven wie zu Hause, sondern führte auch Feldforschungen, einschließlich vieler archäologischer Grabungen, durch. "Zu Hause wurden Urnen zusammengeklebt", sagt seine Tochter und fügt hinzu, "Man ging über die Äcker… immer den Blick suchend auf den Boden geheftet.“

Arbeiten (Auswahl):

·        Unter Mansfelds und des Administrators Fahnen.“ Ein Roman über
         den Dreißigjährigen Krieg.

·        Geschichte des Dorfes Hammer.

·        Die Vernichtung der Stadt Nauen durch Brand im Jahre 1626.

·        Die Verbrennung eines Großbeerener Ehepaares.

·        Die verstummte Glocke von Sperenberg.

·        Vorgeschichtliches über Glienick.

·        Das Gefecht bei Glienick am 22. August 1813.

·        Die Kietzer in Liebenwalde.

·        Maßnahmen zur Verteidigung der Nuthe- und Notteniederung im Jahre 1813.

·        Der Teltow im Januar und Februar 1641.

·        Über die ersten Anfänge von Mittenwalde.

·        Der Besuch von August Gotth. Francke in Königs Wusterhausen im Jahre 1727.

·        Die Leineweberinnung von Mittenwalde.

·        Der Zug Mansfelds durch die Mark.

·        Beitrag zur Geschichte von Ruhlsdorf.

·        Die Unterhaltung der Brücken und Dämme im Gebiet von Zossen.

·        Von Seen und Teichen im Amt Zossen.

·        Wallenstein und der Teltow in den Jahren 1625 und 1626.

·        Die Anfänge von Zerpenschleuse.

·        Zossen am Schluß des 16. Jahrhunderts.

·        Aus der ältesten Geschichte von Kummersdorf.

·        Aus der Geschichte der Herrschaft Teupitz.

·        Die Gründung von Philippstal.

·        Groß-Schönebeck um 1590.

·        Christian Schenk von Landsberg.

·        König Friedrich Wilhelm als Jäger im Teltow.

·        Friedrich Wilhelm als Kronprinz in Mittenwalde.

·        Potsdam im Jahre 1626.

·        Den Kolonisten werden die Hofstellen in Klausdorf zugewiesen.

·        Aufbau der Höfe in Klausdorf.

·        Die Pechüler weigern sich, die wüste Feldmark Klausdorf abzutreten.

·        Die Besetzung der wüsten Feldmark Klausdorf mit Kolonisten.

·        Zur ältesten Geschichte von Luckenwalde.

·        Die Siedlungstätigkeit Friedrichs des Großen im Amt Zinna von 1740 bis 1756.

·        Die Friederikusmühle in Zinna.

·        Bau der Yorkschule.

·        Die Entstehung von Luckenwalde.

·        Ankunft westdeutscher Siedler in Klausdorf im Jahre 1718.

·        Der Plan, 1733 die wüste Feldmark Klausdorf mit Salzburgern zu besetzen.

·        Die Luckenwalder Bürger brauen Bier.

·        Eine Spazierfahrt durch das Dobbrikower Seengebiet.

·        Zur Geschichte der Mahlmühle Bardenitz.

·        Friedrich der Große unterstützt Luckenwalder und Zinnaer Kolonisten.

·        Der Brand Jänickendorfs im Jahre 1779.

·        Friedrich der Große baut 25 Doppelhäuser von 1775 bis 1782 in Luckenwalde.

·        Geschichte des Grünebergschen Bauerhofes in Nettgendorf.

·        Eugen Dühring zum hundertsten Geburtstag.

·        Die vorgeschichtliche Bedeutung des Mühlenbergs in Rohrbeck.

·        Die älteste Geschichte des Schlosses in Jüterbog.

·        Ein Hexenprozeß gegen eine Frau von Neumarkt.

·        Die Entstehung von Luckenwalde

·        Zur Vor- und Frühgeschichte von Damm.

·        Siedlungsgeschichte im Teltow und der Ostzauche.

Bei den aufgelisteten Arbeiten handelt es sich um Zeitungsartikel oder Manuskripte, von denen nicht bekannt ist, wann und wo sie veröffentlicht wurden. Zumeist konnte kein Erscheinungsjahr zugeordnet werden.

Erich Sturtevant 1869 - 1947
Maler, Schriftsteller, Museumsleiter und Stadtchronist
„Er besitzt einen ersten Platz als Heimatmaler neben Max Wesslau.“
Hannelore Renk

Erich Sturtevant ist durch seine Stadtgeschichte vom Jahre 1935 der bekannteste und wohl auch bedeutendste Chronist Jüterbogs im 20. Jahrhundert. Darüber hinaus findet sich eine unüberschaubare Anzahl von Gemälden aus seiner Hand in Wohnzimmern und Amtstuben unserer Stadt.

Er wurde am 15. Oktober 1869 in Frankfurt/O. geboren. Sein Vater war der Maler und Kunstprofessor Hans Sturtevant. Erich Sturtevant studierte von 1889 bis 1893 an der Berliner Akademie Historien- und Landschaftsmalerei. Der Wahlberliner (Friedenau) findet sich bereits ab 1897 als Sommerurlauber in Jüterbog. Anfang der 20er Jahre siedelte der Künstler nach Jüterbog um, denn ab 1924 war er ständiger Mitarbeiter des regionalen Kirchenblattes „Heimatklänge“, das in der Folge zur Monatsbeilage vom „Jüterbog-Luckenwalder Kreisblatt / Der Volksbote“ wurde. Ab 1925 illustrierte er den Jüterbog-Luckenwalder Kreiskalender. Und in dieser Zeit entstehen auch seine ersten Veröffentlichungen zur Heimatgeschichte. Anfang der 30er Jahre wurde er zum Leiter des Kreismuseums berufen, das sich zu dieser Zeit in den Klosteranlagen bei der Dammkirche befindet. In dieser Zeit verfaßte er die „Chronik der Stadt Jüterbog“, die neben der Arbeit von Heffter (1851) nach wie vor ein Standardwerk der Stadtgeschichte ist. „Auch wenn im Nachspann hier offensichtliche Begeisterung zum Dritten Reich erkennbar ist, sollte man dies Anbetracht seiner eigentlichen Kunst- und Geschichtsverdienste nicht überbewerten“ (N. Jannek, Museumsleiter, 1997). Die Mehrzahl der Exemplare seiner Stadtchronik, die heute noch existieren, sind aus Rücksichtnahme auf das Verbot von NS-Propaganda geschwärzt oder haben herausgeschnittene Seiten. Das betrifft das letzte Kapitel zur Entwicklung der Stadt ab 1933 und auch teilweise das Vorwort des Buches. Weniger rigoros sind die wenigen Besitzer der Chroniken von Dorf Zinna sowie von Felgentreu und Mehlsdorf mit ihren Büchern umgegangen.

Erich Sturtevant verstarb 78jährig am 3. März 1947 in Jüterbog. Wie Zeitgenossen berichten, soll er in den letzten Lebensjahren Hunger gelitten haben, denn wer brauchte in dieser Zeit die Leistungen eines Künstler, noch dazu, wenn man ihm die Regimenähe der jüngsten Vergangenheit nicht verziehen hatte. Beigesetzt wurde Sturtevant auf dem Schützenfriedhof. Als in den 80er Jahren auf dem stillgelegten Friedhof eine Schule (im Volkmund deshalb „Knochenschule“) errichtet worden ist, wurde auch sein Grab zerstört. Bislang ist nicht einmal ein Foto von ihm bekannt.

Ein Teil seines künstlerischen Nachlasses wird im städtischen Heimatmuseum bewahrt. Auch hat man sich nach der Deutschen Einheit seiner Leistungen wieder entsonnen. So wurde 1994 eine Straße in Jüterbog 2 nach Erich Sturtevant benannt. Hierbei handelt es sich um den früheren General-von-Dewitz-Weg, der durch die sowjetische Besetzung von 1945 bis 1992 im Sperrgebiet lag.

Arbeiten

  1. Bücher:
    • 1917 : „Vom guten Ton im Wandel der Jahrhunderte.“
    • 1935 : „Chronik der Stadt Jüterbog“
    • 1938 : „Chronik von Dorf Zinna“
    • 1939 : „Chronik der märkischen Dörfer Felgentreu und Mehlsdorf“

  1. Aufsätze (Auswahl):
    • „Kloster Zinna, ein Führer durch seine Geschichte und Baulichkeiten“, ein Heft, das von 1926 bis 1934 in drei Auflagen erscheint.
    • „Jüterbog. Ein Führer durch seine Sehenswürdigkeiten.“ (1928)
    • "Schützenfest in Jüterbog" (1930) (Sonderbeilage von "Der Volksbote" mit ausführlicher Geschichte des städtischen Schützenwesens mit Fahnen, Uniformen usw.)
    • „Geschichte der Stadt Jüterbog“ (Jüterbog-Luckenwalder Kreisblatt 1933)
    • „Jugenderinnerungen eines alten Jüterbogers.“ (General Krebs, 1937)

  1. Gemälde, Illustrationen (Auswahl):
    • 1900: Die Weiber von Schorndorf. (inzwischen verschollenes Gemälde zu einer Episode der Württembergischen Geschichte aus dem Jahre 1688)
    • 1917-19 : „Der Krieg 1914 / 18 in Wort und Bild“, Illustrationen für das dreibändige Werk in Form von Zeichnungen und großformatigen Schlachtengemälden.

Literatur:

- Jannek, Norbert: Erich Sturtevant (1869 – 1947), Maler, Schriftsteller, Museumsleiter“ in: Heimatjahrbuch Teltow-Fläming 1997, S. 101- 104.

Ulrich Wille
Heimatgeschichtsschreiber und Poet
Heimatliebe in schwerer Zeit
Der durchaus bedeutende Heimatgeschichtsschreiber der 50er Jahre war weitgehend in Vergessenheit geraten, wohl  nicht zuletzt, weil er nach Westdeutschland verzogen war, was damals als „Verrat an der DDR“ galt. Erst der Kontakt mit seinem Sohn Hansjürgen Wille erbrachte 2010 die notwendigen Informationen, um Leben und Werk des Ulrich Wille an dieser Stelle beschreiben zu können.

Ulrich Wille wurde am 2. Februar 1906 in Küstrin geboren. Nach einer Banklehre in Berlin fand er Anstellung in der Reichswehr der Weimarer Republik. Zuerst diente er in dem elitären Infanterie Regiment Nr. 9 in Potsdam, „Graf Neun“ genannt, wegen der vielen adligen Offiziere. Als Heeresverwaltungsbeamter (Zahlmeisterlaufbahn) kam er zunächst nach Berlin-Spandau, wo er seine Frau, eine geborene Nymbach aus Jüterbog, kennen lernte. Wegen der Versetzung zur Heeresversuchsstelle Gottow zog die Familie Wille 1933 nach Kummersdorf-Gut. 1943 kam auch für Ulrich Wille der Fronteinsatz und zwar im Westen, wo er bei Kehl am Rhein 1945 in Gefangenschaft geriet. 1946 kehrte er wieder zurück nach Kummersdorf, mußte aber noch im gleichen Jahr die Wohnung verlassen, weil die Rote Armee den Standort belegte.

Von Ende 1946 bis 1958 wohnte Ulrich Wille mit seiner Frau und den drei Kindern bei seine Schwiegereltern in der Vorstadt Neumarkt in Jüterbog. Aufgrund seiner kaufmännischen Ausbildung fand er der Reihe nach Anstellungen bei der Jüterboger Kohlehandlung von Karl De Moy, bei der Brauerei Reifegerste und schließlich in einer Samenhandlung Platz & Sohn in der Mönchenstraße. Das war auch die Zeit, in der er sich tiefgründig mit der Jüterboger Geschichte befaßte. Aufsätze aus der Zeit, die Jüterbog und Umgebung betreffen und zumeist in der Märkischen Volksstimme veröffentlicht wurden, sind:

-         „Jüterbog – Ein politischer Konferenzort.“ (12.12.1954)

-         „Vergessene Denkmäler in Jüterbog“ (14.1.1955)

-         „Alte Jüterboger Straßennamen“ (23.1.1955)

-         „Leberecht Hauschteck – Ein Leben für den Kreis Jüterbog“ (30.1.1955)

-         „Theodor Fontane und der Fläming“ (6.2.1955)

-         „Heinrich Stephan in Jüterbog“ (27.2.1955)

-         „Jüterboger wirkten als Wissenschaftler“ (2.3.1955)

-         „Jüterboger Straßenbeleuchtung im Wandel der Zeiten“ (20.3.1955)

-         „Von den Anfängen des Films" (23.3.55)

-         „Jüterboger bringen die Stadtmauer zum Einsturz“ (27.3.55)

-         „Die Treuenbrietzener Stadtordnung von 1525“ (17.4.1955)

-         „Jüterboger Badesorgen um die Jahrhundertwende“ (20.4.55)

-         „Jüterbog als Filmkulisse“ (23.4.1955)

-         „Der Treuenbrietzener ‚Deichselpfennig’“ (26.4.1955)

-         „Ist das Jüterboger Stadtwappen richtig?“ (28.4.1955)

-         „Jüterboger Zeitungsanzeigen vor 80 Jahren“ (Ein Rückblick auf 1875)           (1.5.1955)

-         „Dichter des Flämings“ (15.5.1955)

-         „Stadtverordnete sagen ‚Nein’“ (26.5.1955)

-         „Jüterboger Kommunalpolitik vor 120 Jahren“ (12.6.55)

-         „Bericht über eine Tagung von Heimatforschern in Jüterbog“ (26.6.55)

-         „Torfgewinnung in Jüterbog“ (10.7.1955)

-         „Die Jüterboger VISE“ (17.7.1955)

-         „Jüterbog und Friedrich List“ (24.7.1955)

-         „Aus der Geschichte Gräfendorfs“ (28.8.1955)

-         „Die Sage von den Nikolaikirchtürmen in Jüterbog“ (Sept. 1955)

-         „Stadtmauer und schlafende Nachtwächter“ (25.9.1955)

-         „Hundert Jahre Johanniterkrankenhaus in Jüterbog“ (1.10.1955)

-         „Die Jüterboger Stadtverfassung von 1659“ (16.10.1955)

-         „Aus der Geschichte des Hüttenwerkes Gottow“ (Okt. 1955)

-         „Michael Kohlhaas und Jüterbog“ (30.10.1955)

-         „Der Jüterboger Fenstersturz von 1642“ (13.11.1955)

-         „Zum 190. Geburtstag des Treuenbrietzener Komponisten Heinrich Himmel“           (20.11.1955)

-         „Die Keule am Tor“ (4.12.1955)

-         „Ein Jüterboger Kaufvertrag von 1841“ (20.12.1955)

-         „Aus der alten ‚Dorf-Feuer-Ordnung’ Kaltenhausens“ (8.1.1956)

-         „O, Frevel, Frevel“ (Weinbau in Jüterbog“ (17.1.1956)

-         „Amüsantes über einen Poeten“ (Zum 175. Geburtstag Achim von Arnims)           (26.1.1956)

-         „Ratsherren ohne Herz“ (19.2.1956)

-         „Das Heldenmädchen von Dennewitz“ (26.2.1956)

-         „Der Rautenkranz im Wappen“ (15.4.1956)

-         „Die Bedeutung der Denkmalpflege unter besonderer Berücksichtigung

            des Denkmalsschutzes im Kreies Jüterbog“ (Mai 1956)

-         „Streit um Roßäpfel am Zinnaer Tor“ (3.6.1956)

-         „Der alte Münchow“ (Ein Jüterboger Original) (Juli 1956)

-         „Die Entführung des Stadtschreibers Wächtler“ (29.7.1956)

-         „In Jüterbog begann der Siebenjährige Krieg“ (26.8.1956)

-         „Gneisenau in Treuenbrietzen“ (23.9.1956)

-         „Sieben Jahre Jüterboger Heimatfestspiele“ (3.10.1956)

-         „Der Fläming feiert Fastnacht“ (10.1.1957)

-         „Alt-Jüterboger Rechtsbeziehungen zu Alt-Berlin“ (Januar 1957)

-         „Jüterbog – Stadt der Tore und Türme“ (27.4.1957)

-         „Die ‚Süße Ecke’ in Jüterbog“ (Mai 1957)

-         „Die 950-Jahrfeier Jüterbogs“ (4.7.1957)

-         „Konzertbesucher so und so - eine kritische Betrachtung“ (25.3.58)

Einiges weist darauf hin, daß er 1957 aktiv an der Gestaltung der 950-Jahr-Feier der Ersterwähnung der Stadt Jüterbog mitgewirkt hat. Ohne seinen Namen zu erwähnen bzw. seine Arbeiten ausdrücklich als Quelle anzugeben, wurde von verschiedenen Leuten bei zahlreichen lokalgeschichtlichen Veröffentlichungen der folgenden Jahrzehnte fleißig aus den Publikationen von U. Wille abgeschrieben, was Textvergleiche zeigen.

Weitere bekannte Aufsätze von ihm sind:

-         „Wer weiß, wo Malchow liegt?“ (Berliner Zeitung 24.12.1954)

-         „Charlottenburg des Ostens“ (Besuch in Friedrichsfelde) (Jan. 1955)

-         „Der 20. Februar 1813 am Königstor in Berlin“ (Februar 1956)

-         „Wie Wilmersdorf 1856 aussah“ (1956)

-         „Europas heimlicher Feldherr. Zum 125. Todestage Neidhardt von Gneisenaus“           (24.8.1956)

-         „Wiedersehen mit der alten Penne“ (Erinnerungen an ein Stück alten Berlins“ (Juli 1958)

-         „Die Musik kommt – oder unvergessene Prügel. Eine Küstriner Jungenderinnerung.“           (Kreiskalender für den Kreis Königsberg/Neumark 1969)

Nicht nur heimatgeschichtliche Beiträge, auch Poesie entstammt seiner Feder, wie das folgende Gedicht belegt:

MÄRKISCHE HEIMAT

Wieder streif ich durch die Wälder,

durch die Wiesen querfeldein,

wieder schau’ ich deine Felder,

friedlich, schön im Abendschein.

Wieder schreit’ ich deine Wege,

Heimat, ewig liebe, du,

fromm zusammen ich die Hände lege,

und ich find’ bei dir die Ruh.

Um die Stirne zauset wieder

Lächelnd, spielend mir der Wind,

und ich singe deine Lieder

froh und heiter wie als Kind.

Nur in deiner trauten Nähe

find’t die Seele ihre Ruh’,

wenn ich deine Wege gehe,

Heimat, ewig liebe, du.

1958 war Ulrich Wille nach Ulm verzogen. Hier fand er zunächst Anstellung bei einer Spedition. Zuletzt war er bei der Bundeswehr in einem Versorgungsdepot in St. Augustin bei Bonn beschäftigt. In diesem Ort ist er am 4. Oktober 1987 verstorben.

In einer im April 1972 für seine Kinder privat erstellten gebundenen Sammlung seiner Essays zur Heimatgeschichte schreibt er im Vorwort: „Diese Darlegungen aus der Geschichte einer alten märkischen Stadt entstanden einmal aus der Freude und dem Interesse am Historischen, zum zweiten sollten sie den mit stark tendenziöser Politik überfütterten Lesern einen gewissen Ausgleich und etwas Freude in den grauen Alltag bringen und drittens besonders der jungen Generation Sinn und Bedeutung der Heimatgeschichte erläutern. Daß das unter den politischen Verhältnissen und Gegebenheiten der ‚DDR’ nicht immer ein leichtes Unterfangen war und daß manche Passagen in den Abhandlungen mit äußerster Vorsicht formuliert werden mußten, wird der kritische Leser sicher verstehen… Diese Essays aus der Heimatgeschichte der alten märkischen Stadt Jüterbog sollten in der schweren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit dazu beitragen, den Gedanken an die märkische Heimat und die Liebe zu ihr wachzuhalten.“

Otto Sernow 1889 - 1972
Stadtarchivar, Dichter, Volkskunde- und Brauchtumsforscher
Der erste förmlich berufene Ortschronist der Nachkriegszeit

Karl Otto Sernow wurde am 3. November 1889 in Neumarkt geboren Er war damit genau genommen auch kein wirklicher Jüterboger, da der Neumarkt zu dieser Zeit noch ein selbständiges Dorf war und zum Amtsbereich Damm gehörte. Sein Vater Friedrich Sernow war Zimmermann und die Mutter Caroline, geborene Schinkel, war wie damals üblich Hausfrau.

Am 21. Juli 1912 heiratete Otto Sernow, inzwischen Telegraphenarbeiter von Beruf, die Arbeiterin Marie Martha Brumme, Tochter des Blönsdorfer Häuslers Johann Ernst Brumme und dessen Frau Anna Auguste, geb. Kühnast. Aus der Ehe gingen zwei Söhne, Karl Otto (geb. 1913) und Wilhelm (geb. 1921) hervor. Sein jüngster Sohn war später von 1962 bis 1983 Jüterboger Bürgermeister. Während des Krieges war K. O. Sernow in Jüterbog als Luftschutzbeauftragter eingesetzt. Was er in den ersten Nachkriegsjahren beruflich tat, ist nicht überliefert.

Ab dem 1. Januar 1958 trat er die Stelle des Stadtarchivars an, doch schon nach kurzer Zeit machte er selbst den Vorschlag, eine junge Kraft für das Archiv einzustellen, da er aufgrund seines Alters mit der Aufgabe überfordert ist. So wurde am 1. Februar desselben Jahres Hannelore Renk auf die geteilte Planstelle zusätzlich angestellt. Zum 1. September 1959 schied Otto Sernow aus dem hauptamtlichen Dienst im Archiv völlig aus und arbeitete nur noch stundenweise im Amt weiter. Mit selben Datum wurde er förmlich mit der Erarbeitung der Stadtchronik beauftragt wozu ihm eine monatliche Entschädigung von 100,- DM bewilligt wird. In der Lohnkartei der Stadt findet sich sein Name noch bis etwa 1963.

Eine der bedeutendsten Arbeiten des Otto Sernow war ein Lexikon der Sprache der Flämingbewohner in Form einer Stichwortkartei. Der Verfasser dieser Seite hatte zur „Wendezeit“ den Karteikasten mit den kleinen (DIN A 7) Stichwortkarten im Stadtarchiv auf dem Rathausboden noch gesehen. Als Anfang der 90er Jahre das städtische Archiv aus der Verantwortung der Kreisverwaltung wieder in die Hände der Stadtverwaltung ging, ist die Kartei leider verschwunden.  

Am 21. Mai 1972 ist Otto Sernow, der zuletzt in der Jüterboger Straße des Friedens (heute Schloßstraße) Nr. 58 wohnte, verstorben.

Arbeiten (Auswahl):

  • Geschichte des Neumarkt (1953)
  • Das gute Jüterboger Bier (1953)
  • Märkte und Marktbräuche in Jüterbog (1954)
  • Alte Jüterboger Mühlen
  • Geschichte der Schuhmacherinnung in Jüterbog
  • Neujahr und Neujahrsbräuche im alten Flämingland (1955)
  • Amtsdienste der Fuhrleute, Botengänger und Postreuter in den alten Ämtern Zinna, Jüterbog und Dahme (1955)
  • 1955 Gedicht „Herzlich Willkommen“ zu den Heimatfestspielen
  • Zum Stand der Erforschung der Fläming-Mundart
  • Der verheerende Stadtbrand in Jüterbog (1955)
  • Erinnerungen an den 20. April 1945
  • Gedicht „Gruß der Heimat“
  • Volksbräuche auf dem Fläming. „Das Hübbelgoahn“ (1955)
  • Erlebnisse der Jüterboger vor, während und nach der Schlacht bei Dennewitz (1955)
  • Die Burg „Sieh dich um“ in der Dammvorstadt (1955)
  • Fastnachten auf dem Fläming
  • Anekdote zum Schmied von Neumarkt
  • Da salomonische Urdeel (plattdt. Geschichte)
  • Heimatgeschichte und Stadtarchiv (1956)
  • Die Völkerschlacht bei Leipzig (1956)
  • Vergangene Spinnstuben-Romantik in den Fläming-Dörfern (1956)
  • Das heilsame Osterwasser aus der Jüterboger Wunderquelle (1956)
  • Die Stadtverwaltung in Jüterbog von 1174 bis 1815 (1956)
  • Aus der Heimatkunde des Hohen Fläming (um Blönsdorf, 1956)
  • Wüste Dörfer im alten Kreis
  • Ratsherren ohne Herz (1956)
  • Weinbau, Weinberge, Weinlese im alten Land Jüterbog (1957)
  • Gedenktage der Jüterboger Stadtgeschichte (in der Festschrift zur 950. Jahr-Feier 1957)
  • Handwerksbräuche im alten Jüterbog
  • Marksteine in der Geschichte Jüterbogs
  • 1958 verfaßte er ein plattdeutsches Gedicht anläßlich der Gründung der LPG auf den Neumarkt
  • Jüterboger Schulgeschichte (1958)
  • Zum 110. Jahrestag der Märzrevolution 1848 (1958)
  • Hirten- und Herdenwesen im Fläming in alter und neuer Zeit (1959)
  • Flachs und Lein (1960)
  • Die Mundarten des Fläming (1966)
  • Das Entstehen der Innungen (1967)
  • Wie sah der alte Jutriboc aus? (1971)
  • Die Wenden im Land Jüterbog (1971)
  • Das Jüterboger Schulwesen seit dem Jahre 1350 (1971)
  • Verschwundene Dörfer und wüste Marken
  • Plattdeutsche Erzählungen

Bei den Veröffentlichungen handelt es sich zumeist um Zeitungsartikel. Nicht in jedem Fall konnte das Erscheinungsjahr zugeordnet werden.

Heinz Berginski
Lehrer, Heimatforscher und Stadtführer
Stadtführer aus Leidenschaft

Heinz Horst Berginski wurde am 13. Juli 1933 in Berlin-Pankow geboren. Der Lehrer brachte es bis zum Schuldirektor. Nachdem er den beruflichen Ruhestand erreicht hatte, widmete er sich vorrangig der Jüterboger Heimatgeschichte. Insbesondere die Schulgeschichte aber auch die Baugeschichte des Rathauses hatten es ihm angetan. Neben einer Reihe von Beiträgen für die Lokalpresse gab er eine Schrift mit dem Titel "Jüterbog. Mittelalter und Betrachtungen. Ein kleiner Wegweiser durch die mittelalterliche Stadt und ihre Geschichte." heraus. Die Erstausgabe erschien im November1990 und eine weitere, überarbeitete Fassung im Jahre 1992. Mitten im Schaffen verstarb Heinz Berginski am 7. April 1993.